
1. Soeben erschien ein neuer Artikel von mir im Open Access. Er heißt „Provincializing Frankfurt. A Postcolonial Re-Reading of Habermasian Theory“ und ist online first bei „Constellations. An International Journal of Critical and Democratic Theory“ zu lesen. Im Artikel geht es um den Umgang mit postkolonialen Problemen in der Theoriebildung, was ich am Beispiel habermasianischer Theorie illustriere. Die PDF findet man bei ResearchGate oder auf der Seite des Journals. Das Abstract folgt hier:
„Taking up debates around the implications of postcolonial critique for critical theory, the article proposes a postcolonial re-reading of Habermasian theory resulting in a provincialization of Frankfurt. The article begins by naming two aspects of universalist theories from the Western tradition that are typically considered problematic from a postcolonial perspective: first the entanglement between the discourse of emancipation and the discourse of inequality and second the ethnocentric treatment of global heterogeneity. After a brief sketch of Habermasian theory, the article presents four different ways of dealing with the postcolonial problems of theory production and discusses what each would mean for Habermasian theory: the minimally invasive approach of selective historicization, Amy Allen’s notion of decolonization as metanormative contextualism, Walter Mignolo’s notion of epistemic decolonization as border thinking and delinking, and the concept of provincialization identified with the works of Dipesh Chakrabarty, Gayatri Spivak, and Paul Gilroy. Because the latter approach calls for a provincializing re-reading of Western texts, the article moves on to apply it to Habermasian theory, suggesting a way to provincialize Frankfurt. The normative core of Habermasian theory could remain mostly intact but the notion of historic development as well as the conceptualization of the relation between lifeworld and system would have to be reconsidered which bears consequences for the theory of democracy.“
2. Die Publikation ist für mich biographisch bedeutsam, denn sie steht einerseits für einen der größten Fehler, die ich in meinem wissenschaftlichen Tun bisher begangen habe, andererseits dafür, dass ich diesen Fehler nun langsam überwunden habe. Ausgedacht habe ich mir das Wortspiel und die grundlegenden theoretischen Motive schon 2012 im Rahmen der Arbeit an meiner Dissertation. Eine erste Version habe ich 2013 bei einer Kritisch-Theorie-Tagung in Prag präsentiert, wo sie sehr gut ankam. Ebenso einige Monate später im Kolloquium in meinem Auslandssemester in den USA, wo mir gesagt wurde, ich solle das doch publizieren. Ich dachte: Ja, das mache ich dann, wenn die Diss eingereicht ist. Seitdem schleppe ich das Manuskript irgendwie mit mir rum, habe es noch einige Male in Kolloquien oder bei Tagungen präsentiert, meist mit eher positivem Feedback. Einzig: Ich habe ihn dann zwölf Jahre lang nirgendwo eingereicht. Das hatte im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen (und das klingt vielleicht schräg) war ich mir ganz tief unten unsicher, ob man wirklich einfach Artikel bei Journals einreichen kann. Also, ab einem gewissen Zeitpunkt wusste ich natürlich kognitiv, dass man das so macht. Aber emotional war ich mir nie sicher genug, um das wirklich zu machen. Zum anderen war ich immer komplett damit ausgelastet, die Texte zu schreiben, für die ich Anfragen bekommen habe – also so drei bis fünf Sammelbandbeiträge pro Jahr. Beides zusammen hat dazu geführt, dass bis zum Sommer 2024 nicht nur dieser Text uneingereicht auf meiner Festplatte rumlag, sondern ich ganz allgemein noch nicht ein einziges Mal einen Artikel proaktiv an ein Journal geschickt hatte. Alle meine Publikationen basierten entweder darauf, dass ich direkt angesprochen worden war, oder darauf, dass ich auf einen Call for Papers für eine Tagung geantwortet und anschließend einen Beitrag für die Tagungspublikation verfasst hatte. Das hier ist wirklich der allererste Text, den ich jemals proaktiv irgendwo eingereicht habe – zehn Jahre nach meiner Promotion. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass ich bis heute nicht dem Stadium des „wissenschaftlichen Nachwuchses“ entwachsen bin. Wenn man nur da publiziert, wo man gefragt wird, hat man kaum Publikationen, die in einer Berufungskommission für eine Professur etwas zählen würden. Es ist nun wahrlich nicht so, dass sich alle Probleme in meinem Lebenslauf durch diese eine Publikation erledigt hätten. Und ärgerlicherweise ist es auch so, dass andere Autor:innen in der Zwischenzeit Texte mit ähnlicher Fragestellung publiziert haben, sodass mein Text weitaus weniger originell ist, als er es vor zwölf Jahren gewesen wäre. Aber symbolisch stand dieses halbfertige Manuskript auf meiner Festplatte für mich für dieses Problem, und entsprechend ist seine Veröffentlichung nun eine deutliche symbolische Entlastung.
3. Die Moral von der Geschichte für alle, die (Sozial-)Wissenschaftler:innen werden oder bleiben wollen, ist, dass man nicht denselben Fehler machen sollte wie ich. Freilich sollte man auch nicht umgekehrt jede Idee, die man mal so hat, wild an irgendwelche internationalen Journals schicken. Damit hilft man weder sich selbst noch den armen Seelen, die das begutachten müssen. Stattdessen sollte man schauen, in welchen Journals Diskussionen zu den Themen geführt werden, zu denen man arbeitet. Wenn man etwas hat, mit dem man zu diesen Diskussionen substanziell beitragen kann, dann sollte man weder zu scheu sein, noch sich ständig mit Publikationen und Vorträgen ablenken, deren Wert in den Lebenslauf mit dem Faktor 0 eingeht.